Sissachertagung 2017

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"Arbeit: Hoffnung oder Last?"

Wir wollen alle integrieren - muss das wirklich sein?

An der Sissachertagung des VSO (Verband Sozialhilfe Basel-Landschaft) letzten Samstag zum Thema „Arbeit: Hoffnung oder Last?“ Wir wollen alle integrieren, muss das wirklich sein? konnten mit dem Theologen Peter Ruch, der Sozialwissenschaftlerin Dr. phil. Bettina Wyer und dem Leiter Basisqualifikation der Hotel & Gastro formation Heinz Gerig drei ausgewiesene Experten zum Thema Arbeit begrüsst werden. An der Podiumsdiskussion nahm zudem Herr Sebastian Helmy, Dienststellenleiter des Kantonalen Sozialamtes Basel-Landschaft, teil. Regierungsrat Dr. Anton Lauber betonte in seinem Willkommensgruss die Wichtigkeit des Themas.

Im Eingangsreferat beschäftigte sich Peter Ruch anfangs mit der sprachlichen Herleitung des Wortes „Arbeit“. Dieses ist abgeleitet von althochdeutsch „arabeit“, mittelhochdeutsch „arebeit“. Beide Worte gehen auf die germanische Wurzel „arapi“ zurück, was so viel wie Mühsal/Plage bedeutet. Erst im neuhochdeutschen füllt es sich mit dem Inhalt „wertvolle Tätigkeit“ bzw. „Beruf“. Bis in die Neuzeit war die Arbeit mit der Vorstellung von Zwang und Unterdrückung verbunden. Arbeit enthält zweifellos eine unerfreuliche Seite, ruiniert unter Umständen die Gesundheit und kann das Leben verkürzen. Es gibt aber nicht nur Arbeitsleid, sondern auch Arbeitsfreude. Die Arbeit hat sich im Laufe der Jahrhunderte fundamental verändert, am radikalsten mit der Industrialisierung. Der heutige Arbeitsmarkt ist Bestandteil eines komplexen Marktorganismus, in welchem politische Interventionen – auch wenn sie gut gemeint sind – in der Regel kontraproduktiv wirken. Arbeitsplätze lassen sich nicht schaffen, sie entstehen, wenn sich ein Leistungsangebot mit einem Lohnangebot vereinbaren lässt und nicht durch bürokratische Auflagen und andere Fremdeinflüsse erstickt wird.

Dr. phil. Bettina Wyer beleuchtete in ihrem Referat die aktuelle Aktivierungspolitik, mit welcher der hohen Zahl von langzeitarbeitslosen Menschen begegnet werden soll. Ziel ist eine schnelle Reintegration in den ersten Arbeitsmarkt. Den möglichen Ressourcen aber, über die die langzeitarbeitslosen Menschen verfügen, wird oft nicht Rechnung getragen. Die Standardisierungsnormen: Leistungsorientierung und –fähigkeit, Eigenverantwortung, Funktionstüchtigkeit und Selbststeuerungskompetenz fehlen bei diesen Menschen häufig, teilweise oder ganz. Damit kann das geforderte „wer will, der kann auch“ nicht umgesetzt werden. Am belastenden für die langzeitarbeitslosen Menschen ist allerdings die Haltung der Gesellschaft ihnen gegenüber: sie werden moralisch und gesellschaftlich verurteilt und abgeschrieben.

Im dritten Referat berichtete Heinz Gerig, wie die Flüchtlings-Lehrgänge faufgebaut sind, und welche Erfahrungen in den letzten Jahren gemacht worden sind. Es gibt sie mittlerweile in den Sparten Gastronomie, Bau, Gebäudetechnik, Automobiltechnik und, als Pilot ab 2018, in der Pflege. Herr Gerig berichtet, wie schwierig es ist, Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis fit zu machen für die Schweizer Arbeitswelt. Alle Kurse dauern ein Jahr und beinhalten neben dem fachspezifischen Wissen auch Lerninhalte wie z. B. Gesellschaftsnormen in der Schweiz, Verhaltensnormen in der Öffentlichkeit und im privaten Umfeld.
Nach dem Referat zeigte Hr. Gerig einen kurzen Film, welcher für die UNO gedreht wurde, in dem einige der Kursabgänger über ihre Erfahrungen und ihre Situation ein Jahr nach dem Kurs berichten.

Im anschliessenden Podium berichtete Sebastian Helmy, Dienststellenleiter des Kantonalen Sozialamtes, über das Vorhaben des SEM (Staatssekretariat für Migration) im Auftrage des Bundesrates, eine Integrationslehre einzurichten. Der Kanton Basel-Landschaft hat signalisiert, sich an diesem Projekt zu beteiligen.
Die Podiumsteilnehmer diskutierten unter der Leitung von Dieter Kohler, Leiter des Regionaljournals Radio SRF, und das Publikum rege, ob es Sinn macht, integrationsresistente arbeitslose Menschen einfach „in Ruhe zu lassen“, wie weit Druck gemacht werden kann und soll. Ob es nicht auch ein Weg wäre, wenn man solchen Menschen gar keine finanzielle Unterstützung mehr zukommen lassen würde, aber auch wie weit die moralische, gesellschaftliche Haltung zu hinterfragen ist und vielleicht auch gegen den Strom handeln zu müssen, um Erfolg zu haben.

Referat Peter Ruch hier

Präsentation Bettina Wyer hier

Präsentation Heinz Gerig hier