Sozialhilfeforum 2

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„Arbeit muss sich lohnen – Schwelleneffekte und negative Erwerbsanreize in der Sozialhilfe“

Zum diesjährigen Forum 2 durfte der VSO gegen 70 interessierte Teilnehmende sowie zwei Vertreter der Presse begrüssen.

Als Einstieg in dieses komplexe Thema referierte Christin Kehrli, Leiterin Fachbereich Grundlagen und Geschäftsführerin a. i. bei der SKOS darüber, was Schwelleneffekte und negative Erwerbsanreize sind. Sie berichtete über die Studien, welche die SKOS zu die- sem Thema bereits durchgeführt hat und zu welchen Ergebnissen diese geführt haben. Sie veranschaulichte, wo Schwelleneffekte und negative Erwerbsanreize vor allem beim Austritt aus der Sozialhilfe entstehen und zeigte damit auf, warum ein Sozialhilfebezüger nicht unbedingt mehr verdienen möchte – er hat beim Ausstieg aus der Sozialhilfe oft nicht mehr, sondern weniger Geld zur Verfügung. Schwelleneffekte entstehen häufig innerhalb und im Zusammenspiel zwischen Sozial- und Steuersystemen. Da es viele verschiedene Systeme gibt, ist die Entstehung von Schwelleneffekten an unterschiedli- chen Schnittstellen möglich und damit sehr schwer, wenn nicht sogar unmöglich, im Voraus einzubeziehen, resp. zu berechnen. Lösungsansätze sieht die SKOS in der Schaffung gleicher Berechnungsgrundlagen, wie es z. B. die Kantone Basel-Stadt und Waadt bereits haben (Harmonisierungsgesetz), in der klaren Regelung der Reihenfolge der Sozialleistungen und einer Gleichbehandlung aller Einkommensarten. Zudem müssten die zusätzlichen Leistungen, wie Mietzinsbeiträge, IPV, Beiträge zur Familienergänzenden Kinderbetreuung, Beiträge an Jugendmusikschule, Schulzahn- pflege etc. bei steigendem Einkommen degressiv und in kleineren Abstufungen ausgerichtet werden. Neben dem monetären Anreiz, aus der Sozialhilfe auszusteigen, gibt es aber auch noch andere: Sozialhilfebezug ist für unser Klientel oft sehr schambesetzt. Viele nehmen in Kauf, dass sie etwas weniger Geld zur Verfügung haben, dafür aber nicht mehr regelmässig Rechenschaft ablegen müssen. Ein anderer Anreiz könnte die Rückerstattungspflicht sein. Auf jeden Fall sinnvoll erachtet die SKOS das Paradigma „fördern“ und „fordern“. Die SKOS hat in den neuen Richtlinien, welche ab Januar 2017 gelten, das Thema Schwelleneffekte inkl. Vermeidungsvorschläge im Kapitel „Voraussetzungen und Grundsätze“ unter Punkt A.10 aufgenommen. Eine allfällige Umsetzung dieser Vorschläge ist Sache der Kantone.

Im zweiten Referat geht Dr. Katrin Bartels, Leiterin Abteilung Familien, Integration und Dienste der Sicherheitsdirektion des Kantons Basel-Landschaft auf die Situation in unserem Kanton ein und zeigt die Schwelleneffekte bei zwei Gemeinden auf. Als Fazit hält sie fest, dass es keinen Unterschied macht, ob man in einer Gemeinde des Ober- oder des Unterbaselbiets wohnt, Schwelleneffekte gibt es in allen Gemeinden ungefähr im gleichen Ausmass. Als Lösungsansatz schlägt sie vor, dass die Berechnung von jeglichen Beiträgen aufgrund des Einkommens erfolgt, welches den sozialhilferechtli- chen Bedarf übersteigt. Dabei muss die „Kopflogik“ der Sozialhilfe angewendet werden, das heisst, die Haushaltsgrösse muss massgebend sein, nicht nur die Anzahl Kinder. Dies sowohl bei der Berechnung des massgebenden Einkommens, wie auch der Beiträge. Die Gemeinde Birsfelden hat im Reglement der Familienergänzenden Betreuung diesen Gedanken bereits umgesetzt. Wenn man diesen Lösungsweg auf alle Beitragsarten anwendet, die in einer Gemeinde möglich sind, kann man im Idealfall ca. 80% der Schwelleneffekte vermeiden. Die Schwelleneffekte, die z. B. beim Einbezug der Steuern entstehen, liegen ausserhalb des Einflussbereiches der Gemeinden. Frau Dr. Bartels ist trotzdem der Meinung, dass sich eine Überprüfung der verschiedenen Systeme in einer Gemeinde lohnt: Die Lösung des Problems zu 80% ist immer noch besser als das Problem gar nicht anzugehen, weil es zu komplex erscheint.

Referat Christin Kehrli, Geschäftsführerin a.i. SKOS  hier

Richtlinien SKOS, Punkt A.10 "Sozialhilfe und Schwelleneffekte"  hier

Referat Dr. Katrin Bartels, Sicherheitsdirektion Kanton BL  hier

 

Sissachertagung 2016

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An der Sissachertagung vom Samstag, 27. August 2016 zum Thema „Unsere Jugend: startbereit?“ durften wir mit Prof. Dr. W. Leimgruber, Prof. Dr. A. Guggenbühl und Frau B. Ledergerber ausgewiesene Experten begrüssen. An der Podiumsdiskussion nahm noch Herr U. Berger, Vizedirektor der Wirtschaftskammer Baselland teil.

Im Eingangsreferat beschäftigte sich Prof. Dr. W. Leimgruber mit der Perspektive des Lebenslaufes einer Person: Die Integration in die Arbeitswelt ist zentral. Sie entscheidet über die soziale Zugehörigkeit, über Möglichkeiten im Leben und finanzielle Absicherung im Alter. Für möglichst gute Chancen braucht es eine gute Bildung,
für welche bereits im frühesten Kindesalter die Grundsteine gelegt werden. Die
kognitiven Fähigkeiten müssen ausgebaut, Disziplin und Lernmotivation müssen
vermittelt werden. Das spricht für frühe Kinderbetreuungsprogramme, vor allem
für unterprivilegierte Kinder. Die Kernfamilie allein ist nicht genug, ein Kind sollte in verschiedenen sozialen Kontexten aufwachsen, unterschiedlichen Anreizen und Herausforderungen begegnen und damit seine Ressourcen erweitern. Die Betreuungsstrukturen sind sinnvollerweise Teil eines integrativen Konzepts, bei dem ein qualitativ hochstehendes Gesamtangebot unter einem Dach eine Einheit von Lernen, Spielen, Essen und Verweilen anbietet. Da vorwiegend Buben mit Migrationshintergrund heute aufgrund von sprachlichen Mängeln hängen bleiben, sind Begabungen zu fördern. Das wiederum heisst: Früher fördern und später selektionieren. Beim Spracherwerb ist das Beherrschen der Erstsprache für den erfolgreichen Erwerb der Zeitsprache zentral, weil ein Teil der kommunikativen Fähigkeiten übernommen werden können. Auch müsste die Intensität im Fremdsprachenunterricht erhöht werden. In naher Zukunft werden wir viele offene Lehrstellen haben, aber auch viele Jugendliche, die die geforderten Anforderungen nicht erfüllen. Diese Jugendlichen müssen gecoacht werden. Es ist egal, was es kostet und wie lange es dauert. Es ist immer noch billiger als eine lebenslange Karriere von Arbeitslosigkeit, Niedriglohnjobs und Sozialhilfe. 40 – 60% aller Sozialhilfebezüger haben keine Ausbildung. Effektive Hilfe hier hiesse, Sozialhilfeunterstützung immer an Ausbildungsschritte zu binden. Bei den Erwachsenen hat jede siebte Person im Alter über 20 keine Lehre oder einen Mittelschulabschluss, trotzdem sind heute fast alle berufstätig. Die Wirtschaft wird in Zukunft immer weniger Plätze für diese Personen haben. Wir müssen unser Bildungssystem fit für die Zukunft machen. Heute geht es um den Übergang vom Industriezeitalter in eine Welt der Globalisierung, der Digitalisierung, aber vor allem der Wissensgesellschaft.

Prof. Dr. A. Guggenbühl führte in seinem Referat aus, wie sehr der Wohnort/die Gemeinde Heimat für Kinder und Jugendliche sein kann. Oft aber entscheiden die „Alten“ darüber, was gut und richtig ist. Im Heimatdorf knüpfen Kinder zum ersten Mal
Kontakte mit anderen, schliessen sich Vereinen an, verbringen einen Grossteil in der Dorfschule. Traditionen und Rituale sind für die Identifikation wichtig, Jugendliche möchten dazu gehören. Zudem ist es wichtig, dass wir unseren Jugendlichen etwas zutrauen, sie in ihrer Eigenverantwortung ernst nehmen und sie darin stärken. Jugend ist keine Krankheit, sondern ein Entwicklungsprozess auf dem Weg zum erwachsen werden. Unsere Jugendlichen haben ein Recht darauf, nicht verstanden zu werden. Sie müssen sich abgrenzen, ihre „Welten“ ausprobieren und darin leben, um ihren eigenen Weg zu finden.

Frau Béatrice Ledergerber, Leiterin der Berufsintegration des Kantons Basel-Landschaft orientierte über die verschiedenen Angebote, welche unter einem Dach vereint wurden. Was braucht es für den erfolgreichen Abschluss einer Lehre?
Verbindlichkeit, Teamfähigkeit, Kritikfähigkeit, Motivation, Gesundheit, Noten, Eignung und Neigung. Daraus ergeben sich die drei berufsintegrativen Arbeitsfelder: Erlangen einer Tagesstruktur – und Partizipationsfähigkeit, Erreichen der Lehrstellenbereitschaft und das Erarbeiten eines erfolgreichen Lehrabschlusses. Das bedeutet, die Jugendlichen zu begleiten, ihnen Halt geben aber auch Halt sagen (Grenzen sind Orientierungshilfen), Erfolge ermöglichen, Handlungsfähigkeiten stärken, ihnen Verantwortung zumuten und übergeben. Keine Lehrstelle zu erhalten, ist keine Katastrophe, Umwege sind immer auch eine Lernchance und nicht nur Risiko!

Im anschliessenden Podium wurde Urs Berger, Leiter Berufs- und Weiterbildung der Wirtschaftskammer Basel-Landschaft, die Frage gestellt, ob die Wirtschaft genug für die Ausbildung unserer Jugendlichen und jungen Erwachsenen unternimmt. Urs Berger
erläuterte als Verantwortlicher von Lernverbünden, wie sehr die Wirtschaftskammer die Auszubildenden und die Lehrbetriebe unterstützt.

Referat Prof. Dr. Walter Leimgruber

Referat Prof. Dr. Allan Guggenbühl

Referat Frau Béatrice Ledergerber

Neue Kurse und Weiterbildungen

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Der VSO-BL bietet seinen Mitgliedern auch 2016 wiederum ein interessantes Angebot an zielgerichteten Fortbildungen und Tagungen an.

Das Kursprogramm ist ab sofort online. Sie können Ihre Buchungen direkt unter "Plätze buchen" vornehmen!

Kursprogramm

Sozialhilfeforum 2

Mittwoch, 2. November 2016

19.30 Uhr

Katholisches Kirchgemeindezentrum, Binningen, Margarethenstr. 32, Binningen

Für diesen Anlass ist keine Anmeldung erforderlich.

Detailinformationen hier

Basiswissen Sozialhilfe
Modul 2

Freitag, 25. November 2016

13.00 - 17.00 Uhr

Coop, Bildungszentrum, Muttenz

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